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Zivilisierte Verachtung

Buch von Carlo Strenger.

Buchrezension von Thomas Röth

Im Folgenden ein kleiner Artikel zu einem lesenswerten Buch:

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2015 hat der Suhrkamp Verlag einen 88 Seiten langen Essay des in der Schweiz geborenen und in Tel Aviv Psychologie und Philosophie lehrenden Carlo Strenger veröffentlicht. Der Untertitel des Buches „Zivilisierte Verachtung" lautet: Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit (Preis: 10,00 €). 

Carlo Strenger hat dieses Buch im Original in Deutsch geschrieben und ist Kolumnist für die Zeitung „Haaretz" und die „Neue Zürcher Zeitung". Es ist von ihm im Jüdischen Verlag ein Buch erschienen mit dem Titel „Israel. Einführung in ein schwieriges Land". Beruflich ist er an zwei Projekten beteiligt, in deren Rahmen die Dynamik islamischer Terrororganisationen und die Motive ihrer Mitglieder erforscht werden. 2011 hat er auf Englisch ein Buch mit dem Titel „The Fear of Insignificance: Searching for Meaning in the Twenty First Century" veröffentlicht.

 In vorliegenden Buch geht es um, wie es der Untertitel sagt, eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit oder wie er selbst sagt: „Die Frage im Zentrum dieses Essays lautet: Wie kann der Westen die Stärken des eigenen Wertes des Systems herausarbeiten und vertreten, ohne seine Ideale in diesem Konflikt zu verraten?" (Seite 17). Es geht ihm also um das Recht und die Pflicht der freien Welt ihre Grundwerte zu verteidigen. Er will -und deswegen wird dieses Buch hier im Anwaltsblatt besprochen- eine Anleitung zur Verteidigung geben. Diese sieht wie folgt aus: Es muss argumentativ eine Rückbesinnung auf die Prinzipien der Aufklärung geben. Die Prinzipien sieht er im Geist der Kritik, dem Beharren auf individueller Autonomie, der Ablehnung jeder Autorität, die sich weigert, sich vertraglich zu binden oder diskursiv zu legitimieren und im Recht auf den „aufrechten Gang" (Seite 17). Es darf Nichts und Niemand über Kritik erhaben sein (Seite 18). Umsetzbar soll das im Konzept der zivilisierten Verachtung sein. Dies ist eine Haltung, aus der heraus Menschen Glaubenssätze, Verhaltensweisen und Wertsetzungen verachten dürfen oder gar sollen, wenn sie diese aus substantiellen Gründen für irrational, unmoralisch, inkohärent oder unmenschlich halten. Zivilisiert ist diese Verachtung unter zwei Bedingungen: Sie muss erstens auf Argumenten beruhen, die zeigen, dass derjenige, der sie vorbringt, sich ernsthaft darum bemüht hat, den aktuellen Wissensstand in relevanten Disziplinen zu reflektieren; dies ist das Prinzip der verantwortlichen Meinungsbildung. Zweitens muss sie sich gegen Meinungen, Glaubensinhalte oder -wert richten und nicht gegen die Menschen, die sie vertreten.

Deren Würde und grundlegenden Rechte müssen stets gewahrt bleiben und dürfen ihnen unter keinen Umständen abgesprochen werden. Zivilisierte Verachtung ist die Fähigkeit zu verachten, ohne zu hassen, oder zu dehumanisieren.

Im Buch wird diese Anleitung nun geschichtlich untermauert und an verschiedenen Beispielen exemplifiziert und es wird der Gegenbegriff erläutert und geschichtlich untermauert: die politische Korrektheit. Strenger ist der Auffassung, dass die meisten Europäer nicht mehr in der Lage sind für ihre Kultur substantiellere Argumente vorzubringen, als die Effizienz ihrer Volkswirtschaften und sozialen Frieden (Seite 12), also die eigene Lebensform und ihre Werte argumentativ zu verteidigen. Dies führt zum einen dazu, dass dieser Leerbereich derzeit von rückwärtsgewandten Rechtsparteien besetzt wird. Verantwortlich für das Unvermögen der Wertevereidigung soll die „politische Korrektheit" sein. Durch die technologische und militärische Überlegenheit, den Globalisierungsdrang der europäischen Zivilisation und vor allen Dingen die Katastrophen im 20. Jahrhundert wird das aufklärerische Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit von vielen als durchsichtige Rationalisierung der imperialistischen Ausbeutung der Welt durch den weißen Mann angesehen (Seite 14/15). Deshalb begann dann die Selbstkasteiung und das, was Strenger als politische Korrektheit bezeichnet, deren Grundprinzipien lauten: die Gleichberechtigung aller Kulturen, aller Glaubenssysteme und aller Normen sowie das prinzipielle Verbot, andere Kulturen moralisch und erkenntnistheoretisch zu kritisieren. Der westliche Mensch solle in Form von Entwicklungshilfe für die Sünden der Vergangenheit monetär büßen.

Strenger will nun die ursprünglichen Werte der Aufklärung ins Jetzt hinüberretten und schlägt sehr praktikabel -um zu bestimmen, wann welche Argumente für ein Thema zählen sollen- den „Ärztetest" vor. Mit Ärztetest meint er Folgendes: Man stelle sich vor, ein geliebtes Familienmitglied sei schwer krank -was erwartet man von dem behandelnden Arzt? Übertragen auf die Haltung der zivilisierten Verachtung bedeutet dies, dass man eine verantwortliche Meinungsbildung erwarten darf. Darunter ist die intellektuelle Selbstdisziplin zu verstehen, die dazu verpflichtet Informationen zu sammeln und diese sorgfältig abzuwägen und diese Disziplin konsequent aufzubringen (Seite 51). Zivil verachtet werden darf dann, wer sich diesen Anforderungen entzieht und es zum Beispiel bequemer findet Tatsachenbehauptungen zu akzeptieren, die zu den emotionalen und weltanschaulichen Präferenzen besser passen, obwohl widersprechende Indizien leicht zu finden wären. 

Das schmale Bändchen zeichnet sich durch klare Gedankenführung, klaren Stil und viele kleine Erkenntnis bringende Exkurse (zum Begriff des Westens - Seite 13, zur Geburt des Toleranzprinzips in der Aufklärung -Seite 31 ff., zum Fall Rushdie, zum Kolonialismus und zwei Weltkriegen) aus. Im Übrigen werden auch die (psychischen) Schattenseilen der beiden Haltungen nicht ausgespart. So kann die politische Korrektheit zum Ressentiment als Tugend (siehe Seite 61) und die gelebte zivilisierte Verachtung zu Schwierigkeiten mit der Religion (s. Seite 68 ff.) und zu Kränkungen (Seite 67 ff.) führen, was aufgezeigt und erläutert wird im letzten Kapitel ruft Carlo Strenger zu mehr Leidenschaft für die Freiheit auf. 

Die Lektüre hat mich häufig an unsere Tätigkeit (was sie sein könnte) erinnert. Strenger gibt -so meine Einschätzung- praktikable Handreichungen für die Umsetzung einer aufgeklärten Haltung. 

Nutzen wir den Weg der verantwortlichen Meinungsbildung und gegebenenfalls zivilisierten Verachtung nicht nur für das Rechtsleben sondern auch darüber hinaus und hoffen wir auf leidenschaftliche Auseinandersetzungen.